Von Nürnberg zum Nordkap geradelt

3.400 km. 13.500 Höhenmeter. Kein einziger Pausentag. Ganz allein. Von Nürnberg zum Nordkap. Und das alles in 30 Tagen. Ich fuhr am Hauptmarkt Nürnberg los. Mit 35 kg Zuladung auf meinem unter seiner Last ächzenden Specialized AWOL Elite. Genau 30 Tage später, stehe ich am Nordkap.

Dauerbelastung bis zum Nordkap

Meine Achillessehne ist seit Tag 6 überreizt und macht das Laufen beschwerlich, die Knie sind die Dauerbelastung nicht gewohnt und begannen kurz danach zu protestieren. Ich habe einiges an Gewicht verloren, was bei mir ohnehin schon Strich-in-der-Landschaft-Persönchen eher problematisch ist und Handrücken und Wangen sind tiefbraun mit einem leichten Stich ins Erdig-Braune, welches wohl tatsächlich dreckbedingt ist.

Die Satteltaschen sind abgerieben, mein Rad mehr grau als weiß und mit der wilden Sammlung an Plastiktüten (Ich habe gelernt, immer Notfallnahrung dabeizuhaben, da man sich in den Weiten Skandinaviens nicht auf die allgegenwärtige Existenz von Supermärkten verlassen kann), Socken (zum Trocknen) und einem grünkarierten Geschirrtuch (dito) auf seinem Heckträger wirke ich mehr wie ein Landstreicher als noch der schneidig-saubere Radreisende, als der ich so strahlend gestartet bin.

 

 

Hier bin ich also nun

An einem Ende der Welt. 30 Tage lang bin ich der Straße gefolgt, immer nach Norden, immer weiter. Habe mich durch die Windmühlenheere Deutschlands gekämpft im Gegenwind bis Rostock. Habe mich von Trelleborg aus wochenlang durch den endlosen Wald, der Schweden heißt, geschlagen. Um schließlich, nach einem kurzen (1 Tag) und surrealen Abstecher durch die finnische Weite, nach Norwegen zu gelangen. Ich erinnere mich, als ich an Tag 2 in Erfurt war, wie weit entfernt von Zuhause es mir schien.

So weit geradelt!

Wie lächerlich das nun scheint. Ich erinnere mich, wie schwer mir die ersten paar Tage mit 110 und mehr Kilometer täglich gefallen sind. Wie müde und abgeschlagen ich war. Bis mein Körper irgendwo in Lappland wohl begriff, dass ich es ernst meinte. Dass ich nicht umdrehen werde, nicht aufgeben. Dass ich keine Pause machen würde. Irgendwann dann hat er es wohl aufgegeben. Es tat immer noch weh. Aber der Schmerz alltäglich, Gewohnheit. Wie ein guter alter Freund erinnerte er mich daran, dass mein Körper noch funktionierte, eben weil er schmerzte.

Das Wetter meinte es gut. Viel Sonne, kaum Regen, steter Gegenwind, aber selten mehr als 25 oder 30 Kilometer lang von der schlimmen Sorte, die einem den Lenker verdreht und die Tränen in die Augen treibt. Das Wetter meinte es gut.

Bis kurz vor dem Ziel

Auf der Hochebene hinter Alta begann die Kälte, Graupel, Sturmböen. Verkrustete Schneefelder überall und tote Birken, die wie gebrochene Fingerknöchel aus dem Morast staken.

Und natürlich, wie konnte es anders sein, der letzte Tag war der schwerste. Es war fast, als würde der Weg meine Konstitution und – vor allem – meinen Willen noch ein letztes Mal auf die Probe stellen wollen. 130 km, über 1000 hm konstantes Hoch-Runter-Hoch, 6 Grad, Regen. Und Sturmböen. Aus Nordwest. So wie die Route verlief, genau frontal kommend. Dann 2 Grad. Kurz vorm Nordkap dann Schneefall.

Der Körper hält viel

Gutes Material ebenso. Das wirkliche, grundsätzliche und eigentlich Herausfordernde liegt ganz woanders. Im Geist. Die psychische Konstitution, nicht die physische, lässt uns letztlich ankommen. Oder umdrehen, abbrechen, aufgeben. Freilich, das richtige Material und ein durchschnittlich gesunder Körper sind wichtig. Aber es ist der Wille, der den Unterschied macht.

Das erste und einzige Mal, dass ich daran gezweifelt habe es zu schaffen, war 19 Kilometer vor dem Nordkap. 19 km vorher, in Schnee und mit brennendem Gesicht, nach 30 Tagen unter freiem Himmel und ohne Pause täglich auf dem Rad. 19 km vorher wisperte diese kleine Stimme: Halt an. Setz dich einfach hin. Hör auf. Schlaf.

Ich bin weitergefahren

Was will ich aber nun eigentlich hier? Was sollte sie, diese Reise? Selbstzweck? Sportlicher Ehrgeiz? Neugierde? Narzissmus? Die Antwort auf diese Frage kann nur jeder für sich selbst finden oder eher: Die richtige(n) Frage(n) kann nur der stellen, der sich selbst auf die Reise begibt. Egal, wohin. Egal, womit. Egal, ob allein oder mit anderen. Ich denke, das Menschsein konstituiert sich durch das Reisen. Auf Reisen sind wir gänzlich ungeschützt konfrontiert mit dem uns Unbekannten und Fremden. Und erst diese Schutzlosigkeit zwingt uns aus kognitiven und physischen Mustern heraus, die wir in unserem Alltag einstudiert haben, um uns sicher zu fühlen. Wir dürfen uns aber nicht sicher fühlen. Damit wir wachsen können.

Was will ich nun hier?

Ich stehe am Nordkapp und sehe auf das Meer und spüre ein letztes Mal den Wind beißend im Gesicht, der mir so lange wahlweise ein Feind schien – wenn er mir entgegenstand – oder ein Freund – wenn er mir den Rücken stärkte. Dieser Weg ist zu Ende. Meine Reise hat ihr Ziel gefunden.

Ich atme ein

Aber als ich so stehe und in den Wind lausche, meine ich ein Wispern zu hören. Von fernen Horizonten und dem Unbekannten. Von einer Welt, die nur darauf erwartet, noch entdeckt zu werden. Von mir und meinem Rad. Und ich begreife, dass der Weg hier nicht endet. Dass er überhaupt kein Ende hat. Dass das Ende dieses Weges nur der Anfang eines anderen ist. Wir kommen nicht an, wir sind immer unterwegs, solange wir atmen.

Ich atme aus.

Wohin geht der Weg als nächstes?

Dieser Blogbeitrag wurde von Nora Beyer zur Verfügung gestellt . Hier geht es zu ihrem Blog sowie zu ihrem Blogbeitrag: Nach Nordkap von Nürnberg in 30 Tagen

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